7. Dezember 2011

Rating-Agenturen: Jetzt reicht es eigentlich

Jetzt rächt sich, dass die Politiker über die Rating-Agenturen zwar viel geschimpft haben, es aber bislang weder in der G20 noch im nationalen oder regionalen Rahmen vermochten, wirksame Maßnahmen zu ihrer Zerschlagung oder wenigstens zu ihrer strikten Regulierung und Kontrolle zu treffen. Selbst der agile Binnenmarkt-Kommissar der EU, Michel Barnier, wurde von der Europäischen Kommission zurückgepfiffen mit seinem Versuch, den Agenturen das Rating während laufender Rettungsaktionen zu untersagen. Der jüngste Angriff von Standard & Poors auf die Eurozonen-Staaten, einschließlich die Europäische Fazilität für Finanzstabilität (EFSF), hätte so vielleicht unterbunden werden können.

Mit Eingriffen in die Meinungsfreiheit, wie einige Klopffechter der Finanzmärkte sofort einwandten, hätten solche Maßnahmen nichts zu tun. Schließlich stören diese Ratings massiv die wirtschaftlichen Abläufe. Der Präsident der französischen Zentralbank, Christian Noyer, brachte es gestern auf den Punkt: „Die Rating-Agenturen waren einer der Motoren der Krise von 2008“, sagte er. Und: „Man kann die Frage stellen, ob sie diese Rolle nicht erneut spielen.“

Man kann die Frage getrost mit Ja beantworten. Denn selbst wenn einige Politiker in Berlin darauf spekulieren mögen, dass die drohende Herabstufung der Bonität der Kernländer der Eurozone den Druck auf die Durchsetzung des neuen Krisenpakets von Merkozy auf dem bevorstehenden EU-Gipfel verstärkt, so hätte dieser Austeritätspakt vor allem eine Wirkung: Er würde die Spielräume zu aktiver Konjunkturpolitik weiter einengen und die sich abzeichnende Rezession in der Eurozone weiter verstärken. Dies böte den Rating-Agenturen erneut Zündstoff für eine weitere Herabstufung der Bonität. Und so weiter und so fort.

Das ist keine Schwarzmalerei, sondern die exakte Beschreibung des sich selbst verstärkenden Treibens der Agenturen. Wie bei ihrem jüngsten Anschlag auf die Eurozone führen sie beispielsweise die steigenden Zinsaufschläge auf Staatsanleihen oder das steigende Rezessionsrisiko als Grund für die mögliche Absenkung ihrer Bonitätsnoten an – mit der todsicheren Folge, dass die Zinsaufschläge weiter steigen und die Krise sich verschärft, wenn die Absenkung dann wirklich kommt. Die Politiker hätten die Macht, diesem Kalkül einen Strich durch die Rechnung zu machen. Doch ist es leider so, wie die indische VWL-Professorin Jayati Ghosh in der jüngsten Ausgabe von E+Z schreibt: „Anstatt die Finanzwelt endlich zu regulieren, haben die G20 sich als deren Diener erwiesen.“ Es ist nicht zu erwarten, dass der EU-Gipfel morgen und übermorgen ein anderes Urteil zulassen wird.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Natürlich ist das Treiben der Ratingagenturen schädlich, weshalb sie entmachtet und ggf. durch eine öffentliche Agentur ersetzt werden sollten. Aber: Interesannterweise hat die Aussage von S&P ja diesmal keine großen Auswirkungen gehabt. Das ist kein Wunder, weil jeder sowieso weiß, dass S&P Recht hat: Die Eurozone ist dank Merkels katatstrophaler Austeritäts und Angebotspolitik quasi Kaputt - was natürlich auch Auswirkungen auf die Kernländer hat. Und die EFSF ist ebenfalls komplett wirkungslos und dank MoU sogar schädlich. Interessant auch, dass S&P offenbar keinesfalls weitere Austeritätspolitik etc. empfohlen hat, wie Ihr Artikel suggeriert, sondern die Krise vielmehr durch "die amerikanische Brille" (FAZ) sieht: Laut Zeitungsberichten fordert S&P eine Vergemeinschaftung der Schulden, ein stärkeres Engagement der EZB und eine Politik, die Wachstum in der Eurozone schafft (anstatt es abzuwürgen). Wenn S&P tatsächlich solch rationale/sinnvolle Forderungen gestellt hat, verwundert es auch nicht, dass jetzt auch die CDU nach einer europäischen Ratingagentur schreit, die dann endlich die gute alte europäische Austeritätspolitik empfehlen kann.

Eric B. hat gesagt…

Natürlich ist das Treiben der R. schädlich - allerdings nicht für Deutschland, denn bisher profitiert D.ja von deren Einschätzungen. auch die jüngste Warnung von S&P war Wasser auf die Mühlen von Merkel, wie ich in meinem Blog http://lostineurope.posterous.com/zweckpessimismus zeige. Deshalb wird sich so schnell auch nichts ändern...

Anonym hat gesagt…

Ein anderer Blick auf die S&P Ankündigung findet sich in der Süddeutschen: "Allerdings sollte die Analyse von Standard & Poor's beachtet und nicht als feindliche Verschwörung abgetan werden. Mit Ausnahme von Griechenland seien die Staatsdefizite der europäischen Staaten nicht Ursache, sondern Folge der Krise."
Damit fände sich S&P in erstaunlicher Übereinstimmung mit der hier im Blog meist geäuserten neokeynesianischen Perspektike.
http://www.sueddeutsche.de/politik/standard-poors-prueft-europas-rating-eine-botschaft-die-gehoer-verdient-1.1228341